10.08.2011

Flucht über Wakenitz und Trave in den Westen

Von: Kniep/ Quelle: LN, Jürgen Lenz

Anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus: Geschichten von spektakulären Grenzübertritten im Nordwesten von Mecklenburg. Anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus: Geschichten von spektakulären Grenzübertritten im Nordwesten von Mecklenburg. Als Christian Neumann das Westufer der Wakenitz erreicht, wird ihm klar: „Du bist jetzt in einer anderen Welt. Es gibt kein Zurück mehr.“ Am 4. Mai 1963 war der junge Mann aus Rostock zur NVA-Ausbildungskompanie in Wismar einberufen worden. Nach seiner Grundausbildung wurde die Kompanie an die Staatsgrenze West verlegt, „zum Schutz der Republik“, wie es hieß. Die Soldaten waren stolz. Sie fühlten sich als kampfstarke Einheit, als Angehörige einer Elite. Als sie die Kaserne in Wismar verlassen, singen sie das „Lied der Grenzsoldaten“: „Wir sind Soldaten der Arbeitermacht. Und wir stehn an den Grenzen des Landes. Wir von den Feldern und wir aus dem Schacht stehn als Grenzer auf Wacht. Denn zu jeder Stunde schützen wir die Republik, denn zu jeder Stunde schützen wir das Vaterland vor Krieg.“

Christian Neumanns Bestimmungsort ist die Grenzkompanie in Schattin. Im Buch „Fahnenflucht – Über die Wakenitz in die Freiheit“ von Günter Hagemann erinnert sich Neumann: „Der Grenzabschnitt, den wir zu bewachen hatten, war ein vier Kilometer langes Teilstück der innerdeutschen Grenze. Die nördliche Begrenzung war die Nachbarkompanie Herrnburg, südliche Begrenzung war der Ratzeburger See.“ Der junge Soldat wollte in den Westen. Er kundschafte Stellen im Gelände aus, die ihm zur Tarnung dienen könnten. Er studierte die Bewegungsabläufe der Wachtposten und die Routinekontrollen der Offiziere. Er suchte nach einer Lücke in den Grenzsperren. Und fand sie zwischen Schattin und Utecht. Am 27. November 1963 gegen 23 Uhr überwand er die Sperranlagen. Im Gespräch mit der OZ erinnert sich der frühere Grenzsoldat: „Ich bin schließlich über die Reste einer abgerissenen Brücke rüber. Es ragten nur noch die Eisenträger raus.“ Es waren die Relikte der Brücke von Rothenhusen, einem Dorf am Westufer der Wakenitz. Den Brückenkopf am Ostufer hatten Soldaten der NVA bereits Anfang der 50er-Jahre abgerissen, um Fluchtversuche zu verhindern.

Nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 rüstete die DDR an der „Staatsgrenze West“ weiter auf, um „illegale Grenzübertritte“ zu vereiteln. Der „Arbeiter- und Bauernstaat“ errichtete zweireihige Stacheldrahtzäune, vergrub Minen, legte Sperrgräben an, montierte Signaldrähte und Hundelaufanlagen, baute Erdbunker. Doch trotz des weiteren Ausbaus der Grenzanlagen gelang es immer wieder Menschen sie zu überwinden. Drei Fluchten über die Wakenitz sind Peter Matera aus seiner Dienstzeit bekannt. Matera war als Offizier des Bundesgrenzschutzes von 1983 bis 1990 für den Abschnitt zwischen der Ostsee und dem nördlichen Ende des Ratzeburger Sees zuständig. Spektakulärster Fall an der Wakenitz war zu seiner Zeit die Flucht einer vierköpfigen Familie Mitte der Achtzigerjahre. Sie hatte in Schönberg gewohnt.

Bereits am 11. Oktober 1976 durchbrach ein Traktorist aus Selmsdorf die Grenzanlagen unweit von Teschow mit einem Traktor und dem dazugehörigen Pflug. Danach stieg der Mitarbeiter der Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion Dassow aus. Er lief zum nahe gelegenem Ufer der Trave. Dort holte ihn der Bundesgrenzschutz mit einem Boot ab.

Die aufsehenerregendste Flucht im Nordwesten von Mecklenburg ereignete sich am 25. August 1973. An dem Tag überflog der 23-jähriger Jürgen Glaser die Grenze. Gestartet war er mit Frau und Kind in einem Agrarflugzeug, wenige Kilometer von Gadebusch entfernt. Der Mann hatte noch nie in seinem Leben ein Flugzeug gesteuert. Die junge Familie überstand die Bruchlandung auf dem Flughafen Lübeck-Blankensee unverletzt. Jürgen Glaser wanderte später nach Afrika aus.

Christian Neumann fand nach seiner Flucht über die Wakenitz Arbeit in der Bundesrepublik. Nach dem Fall der Mauer fragte er sich, ob er in die alte Heimat zurückkehren sollte. Am Ende fährt er nach Rostock und erkennt: Die Freiheit, wie er sie haben wollte, kam für ihn 30 Jahre zu spät. Mecklenburg ist nicht mehr die Heimat, die er als junger Mann verließ. Alles hat sich verändert. Die meisten Freunde sind fort. Der Mann, der als 21-jähriger Grenzer in die Fremde ging, war nun in seinem alten Zuhause ein Fremder. Der Verlust der Heimat ist der Preis, den Christian Neumann für die Flucht zahlen musste. Geblieben sind Erinnerungen an eine schöne Kindheit in Mecklenburg. Oft denkt er an sie zurück.

Gerne würde der 69-Jährige noch einmal in den Norden kommen, vielleicht zu einer Lesung von Günter Hagemann, aber: „Ich habe viel zu tun.“ Christian Neumann arbeitet seit 1982 als Polsterermeister im bayerischen Rottach-Egern. Chef Rudi Cacala sagte in einem Gespräch mit Günter Hagemann, die Firma unweit des Tegernsees habe mit der Flucht aus dem Osten einen Polsterer mit goldenen Händen bekommen. Christian Neumann hätte schon vor zwei Jahren in Rente gehen können, „aber er wollte nicht. Es wäre ihm zu langweilig, dann schon lieber hinter der Nähmaschine sterben.“