08.11.2009

Auf Spurensuche am Priwall

Von: Kniep/LN

Historiker Alexander Steenbeck (34) hat Informationen über Aufbau und Niedergang der Lübecker Luftfahrtgeschichte zusammengetragen.

Wer sich heute in Pötenitz in Nordwestmecklenburg umschaut, wird nicht vermuten, dass hier vor sechs Jahrzehnten reger Flugbetrieb herrschte – und nicht nur das: Vor genau 65 Jahren wurden hier sogar Flugzeuge gebaut.

Ruinen am Wegesrand, Betonreste in Ufernähe: Die Vergangenheit ist direkt neben der Halbinsel Priwall nicht zu leugnen, auch wenn sprichwörtlich mehr und mehr Gras über eines der dunkelsten Kapitel im Geschichtsbuch wächst. „Es ist heute kaum noch bekannt, dass Pötenitz einst ein großer Standort der Luftfahrtindustrie war, dass ab Herbst 1944 die hier gebauten Flugzeugkomponenten sogar zu kompletten Maschinen zusammengesetzt und vom Fliegerhorst Lübeck-Travemünde und Lübeck-Blankensee aus eingeflogen wurden“, sagt Alexander Steenbeck (34).

Der Luftfahrthistoriker hat für sein über 230 Seiten starkes, neues Buch „Die dunklen Jahre“ viele bisher unbekannte Informationen über den Aufbau und Niedergang des Lübecker Luftfahrtgeschichte zusammengetragen. Dafür wertete der Lübecker das spärlich vorhandene Aktenmaterial von Archiven im In- und Ausland detailliert aus, führte Interviews mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen und erhielt so vielfach erstmals Einblick in private Dokumente. So war es dem Autor möglich, auch einen Großteil der damaligen Fertigung in der benachbarten Lufthansa-Werft des Flughafens Travemünde zu rekonstruieren.

„Über 700 Zwangsarbeiter mussten auf dem Priwall Teile für das Jagdflugzeug Focke Wulf Fw 190 bauen“, sagt Steenbeck. Drei Barackenlager gab es damals auf dem Priwall und im angrenzenden Pötenitz, kaum Zeugnisse sind jedoch über die einzelnen Schicksale der Arbeitssklaven bisher erhalten geblieben – wie auch von der Taktstraße zur Teilefertigung in der ehemaligen Lufthansa-Halle, die bei ihrer Errichtung 1928 eine der größten Flugzeughalle in Deutschlands war.

Der Flugzeugbau in Lübeck und speziell in Travemünde war jedoch kein Neuland. Bereits nach dem Bau des Flugfeldes auf der Halbinsel Priwall im Jahr 1914 etablierte hier Karl Caspar noch während des Ersten Weltkriegs seine gleichnamigen Flugzeugwerke. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste die Fertigung von See- und Landflugzeugen jedoch eingestellt werden. In Lübeck richteten die Norddeutschen Dornier-Werke aus Wismar in den 1930ern wiederum ein großes Zweigwerk ein. Die Produktion lief an fünf verschiedenen Standorten im Stadtgebiet, 1944 weitete man die Produktion auf den Priwall aus.

Die Produktion der Jagdflugzeuge kam Anfang April 1945 fast zum Erliegen, sagt Steenbeck. Das Ende vom Lied: Die Gebäude und Fertigungsanlagen wurden teilweise demontiert, teilweise sogar gesprengt – das sperrige Erbe dieser Zeit ist in vielerlei Hinsicht nie bewältigt worden: Die Ruinen liegen heute noch am Wegesrand.