22.07.2007

Eine Fundgrube von Pastor Alfred Horn

Es hat in der Geschichte Selmsdorfs einige auffallende Pastorenpersönlichkeiten gegeben, zum Beispiel Jakob Friedrich Rüdinger (1732 bis 1819), der mehr als 50 Jahre die Kirchgemeinde betreute, oder sein Nachfolger Johann Christian Ludwig Christlieb (1774 bis 1823), der Sohn eines getauften Juden war und zum Staunen der Bauern die Pfarrländereien selbst bewirtschaftete. Auch der strenge Johann Georg Rußwurm (1781 bis 1848) blieb lange im Gedächtnis der Selmsdorfer, zumal sein Geist noch bis 1890 im Pfarrhaus gespukt haben soll. (Also muss Pastor Horn ihn auch noch erlebt haben!)

Alfred Horn (geboren 1847) kam 1880 nach Selmsdorf und wurde 1907 nach einem Schlaganfall eremitiert. 1903 hatte er angefangen, Materialien „zur Geschichte des Kirchspiels Selmsdorf im Fürstentum Ratzeburg“ zusammenzustellen. Sechs Jahre später erschien der erste Band, in dem die „historisch-politische“ und „kirchlich-geistige“ Entwicklung der Parochie abgehandelt waren. Durch den Erfolg, den das Werk hatte, arbeitete Horn weiter an einem zweiten Band, der die „wirtschaftlich-soziale“ Geschichte darstellen sollte. Das Manuskript war angeblich fertig, als Horn 1912 starb. Sein Sohn, der die Herausgabe plante, fiel im Ersten Weltkrieg, und das Manuskript war und blieb verschollen. Aus Druckbogen, die als Beilage für den „Schönberger Anzeiger“ veröffentlicht worden waren, und Aufzeichnungen Horns, die aus einer Unzahl von Zetteln bestanden, stellte Hauswirt Peter Möller von der Hofstelle VI in Selmsdorf in mühsamer Kleinarbeit den zweiten Band fertig, der 1924 erschien. Horn hatte die Geschichte des Dorfs und die des Pachthofs noch vollendet; die Geschichte der Hohemeile (im Mittelalter die „Tannenschenke“, danach Forsthof) war angefangen und wurde von Möller vervollständigt. Es fehlte die Geschichte der eingepfarrten Dörfer Bardowiek, Teschow, Lauen, Schwanbeck (das Dorf wurde erst um 1950 politisch und kirchlich zu Dassow gelegt), Sülsdorf und Zarnewenz. Der aus letztgenanntem Dorf stammende, als Studienrat in Neustrelitz lebende Heinrich Sterley stellte für den 1934 erschienenen dritten Band die Familiengeschichte der bäuerlichen Familien zusammen; die Geschichte der Dörfer behandelte er nur sehr kurz. Doch Horn hatte in den ersten beiden Bänden schon häufig über die Grenzen seines Kirchdorfs hinaus gesehen.

Wir verdanken Pastor Alfred Horn eine sehr gründliche Geschichte des Kirchspiels, nicht nur in historischer Hinsicht, sondern auch kulturgeschichtlich. Er schrieb über Sitten und Gebräuche, Aberglaube, Kinderspiele, Kinderlieder, gebräuchliche Sag- und Sprichwörter, über Trachten, Flurnamen, Inventare der Bauernhöfe; kurz „Der Horn“ ist eine Fundgrube für jeden, der sich mit der Geschichte des früheren Fürstentums Ratzeburg befasst.