23.07.10 07:21 Alter: 44 Tage

Zeitzeugen und Fotos gesucht

 

Diese Aufnahme von der Selmsdorfer Hinterstraße mit Kirchgemeindehaus stammt aus den 60er-Jahren.


Für Christiane Woest „ist Geschichte Wahnsinn“. Wahnsinn in seiner positivsten Bedeutung. Diese Begeisterung wusste die 35-Jährige dieser Tage auch ihren Zuhörern vom Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus, Kultur und Dorfentwicklung rüberzubringen, als sie ihnen Leseproben gab von Texten, geschrieben im historischen Präsens. „Um den Leser besser abzuholen“.

Da war zum Beispiel die Rede von der Ersterwähnung Selmsdorfs 1292 im Ratzeburger Hufenregister — nach den Aufzeichnungen von Pastor Alfred Horn waren die Selmsdorfer lange Zeit von einer Ortsgründung 1313 ausgegangen. Christiane Woest berichtete auch über Bardowieck, wo 1989 das letzte Gebäude abgerissen wurde und erklärte, dass zur Chronik eine Liste mit den einmal vorhandenen Höfen gehören wird. Auch zum Ihlenberg las die 35-Jährige vor, schilderte die Landschaft, wie sie Fritz Buddin, der langjährige Leiter des Schönberger Volkskundemuseums, einst sah.

Seit März 2008 arbeitet Christiane Woest auf Honorarbasis an der Chronik Selmsdorfs. Die Kommune hat mit der Historikerin — die gebürtige Bützowerin studierte in Rostock Geschichte und Germanistik — eine Fachfrau ins Rennen geschickt, die zudem seit 2006 mit ihrer Familie in Selmsdorf lebt. Ihre Hauptrecherche im Landeskirchlichen Archiv in Schwerin und im Kreisarchiv in Grevesmühlen hat Christiane Woest abgeschlossen. Ein Drittel der einmal um die 300 Seiten fassenden Chronik mit dem Titel „Selmsdorf — Geschichte und Geschichten — ein Heimatbuch“ hat sie bereits geschrieben. Der voraussichtliche Abgabetermin ist erst einmal mit Frühjahr 2011 festgeschrieben. Enden soll die Chronik im Jahr 1990. Eine Fortschreibung würde Christiane Woest gern in Angriff nehmen, versucht sie doch jetzt schon, auch die aktuelle Geschichte des Ortes festzuhalten.

Doch noch gibt es Lücken in der Zeitschiene, die die Historikerin jetzt beackert. „Es ist nie etwas ganz perfekt“, sagt sie und bittet aktuelle wie ehemalige Einwohner, ihr nicht nur mit Zeitzeugenberichten weiterzuhelfen, sondern ihr möglicherweise auch historische Fotos zukommen zu lassen. Zum Leben bis 1945, zum Kriegsende, zum Leben in der DDR. Gern würde sie zum Beispiel eine Liste aller Geschäfte in dieser Zeit erstellen, mehr erfahren wollen über die sozialistische Namensweihe . . . und nimmt allen Skeptikern die Scheu, sie wolle diese Dinge aus persönlicher Sicht werten. Nein, als Historikerin trete sie zur objektiven Betrachtung an. Auch wenn es ihr um jedes alte Haus im Ort leid tut, das weichen muss und nicht erhalten wird, so wie jetzt in der Hinterstraße 4. Dafür freut sich die dreifache Mutter umso mehr auf die Zusammenarbeit mit Sechstklässlern im Ort, die sich ab dem neuen Schuljahr ebenfalls mit der Heimatgeschichte befassen wollen.