Jahrelang, vierzehn Jahre lang, war alles tot am nördlichen Ende der Zonengrenze, wo der Eiserne Vorhang an Lübeck vorbei bis hinein in die Ostsee läuft. Jetzt herrscht da plötzlich Betrieb, wird auf beiden Seiten der künstlichen Grenze geschippt, gezimmert, montiert. An der Grenze bei Schlutup lehnen die Lübecker auf der stählernen westdeutschen Barriere und blicken hinüber über den geeggten Todesstreifen. Und staunend vermerken sie: Da werden die sowjetzonalen Sperren abgebaut.
Seit zwei Wochen sind Arbeitstrupps des „Staatlichen Straßenunterhaltungs- betrieb Rostock" dabei, die Sperrgräben zuzuschütten, das Pflaster auszubessern und die Äste der verwilderten Straßenbäume zu stutzen. Etwa zweihundert Meter weiter auf sowjetzonalem Gebiet rattert eine Planierraupe. Sie ebnet ein Feld ein, auf dem ein Parkplatz angelegt werden soll. Dicht daneben werden die Fundamente für das östliche Zollhaus abgesteckt. Wenn alles gut geht, werden dort spätestens am 20. März 1960 die ersten Kraftwagen nach Lübeck abgefertigt.
Die innerdeutsche Grenze war jahrzehntelang ein nahezu unüberwindliches Bollwerk. Nur an wenigen Grenzübergangsstellen war ein Überschreiten der Grenze möglich, vorausgesetzt man hatte die richtigen Papiere in der Tasche. Ein solcher Grenzübergang war Selmsdorf-Schlutup, dessen westlicher Teil von der Stasi als "Feindobjekt Trave" bezeichnet wurde. Die Kontrollen auf DDR-Seite erfolgten nicht durch Grenztruppen der DDR oder Angehörige des Ministeriums des Innern, sondern durch die Passkontrolleinheiten (PKE), die zum Ministerium für Staatssicherheit gehörten.
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