Reden


03.10.2010 - Redebeitrag von Bürgermeister Detlef Hitzigrat, zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, Sie heute hier an dieser geschichtsträchtigen Stätte begrüßen zu dürfen.  

Ich begrüße sehr herzlich,
- die Landrätin des Landkreises Nordwestmecklenburg Frau Hesse,
- die Beigeordnete und 2. Stellvertreterin der Landrätin Frau Weiss,
- den Kreistagspräsidenten des Landkreistages Nordwestmecklenburg, Herrn Becker
- den Bürgermeister der Gemeinde Lüdersdorf, Herrn Dr. Huzel
- den Bausenator der Hansestadt Wismar, Herrn Michael Berkhahn

Ich begrüße ebenfalls sehr herzlich unsere Kooperationspartner die mit ihrer Unterstützung zum Gelingen der heutigen Festveranstaltungen wesentlich mit dazu beigetragen haben:
- Herrn Hoffmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Mecklenburg-Nordwest
- Herrn Wulfgramm von der EON e.dis AG, Regionalbereich Mecklenburg-
  Vorpommern
- Frau Jagner von der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft GmbH
- Herrn Gaßmann von der Firma Happiness-Events


An dieser Stelle möchte ich aber auch nicht unerwähnt die hervorragenden Leistungen  des Festausschusses Schlutup und des Festausschusses Selmsdorf und hier besonders die Leistungen von Herrn Karl-Heinz Kniep zum Gelingen der Festveranstaltung lassen. Ich bedanke mich ganz recht herzlich für eure ehrenamtliche Arbeit.


Sehr geehrte Damen und Herren,

Hier, wo über 40 Jahre eines der bedeutendsten Grenzübergänge an der innerdeutschen Grenze als Inbegriff der deutschen Teilung galt, halte ich es daher auch für wichtig und unerlässlich, dass hier an dieser Stelle eine Gedenkstätte an die Teilung unseres Landes erinnert  - und das verspreche ich Ihnen, die Gemeinde Selmsdorf geht diesen Weg. Woanders ist von der Grenze und der Mauer, die einst unser Land und unser Volk trennte, kaum noch etwas zu sehen.

Wer heute beispielsweise durch Berlin geht, muss schon ganz genau hinschauen, um noch irgendwo die letzten Spuren von Teilung, Gewalt und Unmenschlichkeit zu entdecken. Die Grenze zwischen Ost und West existiert nicht mehr. Die Mauer ist weg, ebenso wie der Todesstreifen.

Wenn sich am 3. Oktober dieses Jahres der Tag der Deutschen Einheit zum 20. Mal jährt, dann bedeutet das, dass für eine ganze Generation von Wendekindern die Einheit in Freiheit alltägliche Normalität geworden ist. Viel hat sich grundlegend verändert in diesen zwei Jahrzehnten, viel hat sich auch im Bewusstsein der Deutschen in West und Ost geändert.

Der bevorstehende Jahrestag ist daher ein willkommener Anlass, um an diesen besonderen Glücksfall der deutschen Geschichte zu erinnern. Zugleich bietet es sich an, einmal eine – natürlich nur vorläufige – Bilanz der Wiedervereinigung zu ziehen. Wie steht es eigentlich 20 Jahre nach dem Fall der Mauer um die deutsche Einheit? Wie weit ist es tatsächlich mit dem so genannten ‚Aufbau Ost’ gediehen? Welche Probleme haben wir gemeistert, welche stehen uns noch bevor? Und vor allem: Wie steht es um die innere Einheit? Sind wir wirklich schon wieder ein Volk, eine Schicksalsgemeinschaft und eine Nation, die gemeinsam ihre Zukunft in die Hände nehmen will?

1989/1990 haben wir endlich „Einigkeit und Recht und Freiheit“ für das deutsche Vaterland“ erreicht. Das ist eines der großartigsten Wunder unserer Geschichte und wir haben allen Grund dankbar zu sein. Für uns Deutsche erfüllte sich ein jahrzehntelanger Traum.

Die Bürger der ehemaligen DDR können stolz darauf sein, dass sie im November 1989 die Fesseln der DDR-Zwangsherrschaft gesprengt haben. Durch die gewaltfreie Revolution wurden die kommunistischen Machthaber im ‚Arbeiter- und Bauerstaat’ endgültig in die Knie gezwungen und die Spaltung unseres Landes überwunden.

Entscheidend dabei ist, dass die Wiedervereinigung keine einseitige Entscheidung des Westens war. Es waren die Bürger der DDR, die auf die Straße gegangen sind und das SED-Regime davongejagt haben.

Es war also allein der Druck des Volkes, die mit Parolen wie „Wir sind das Volk“ und später „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland einig Vaterland“ die Machthaber in die Enge trieben.

Mit dem 3. Oktober 1990 sind wir an einen ganz entscheidenden Punkt unserer nationalen Geschichte angelangt. Die deutsche Nation ist mit Zustimmung unserer Nachbarn und der Großmächte in einem Staat – in der Bundesrepublik – vereint. Nicht auf dem Schlachtfeld wie 1871, sondern in Konferenzen und Verhandlungen.

Es mag sein, dass wir noch nicht soweit sind, wie wir gerne wären. Es mag auch sein, dass der sogenannte „Aufbau Ost“ noch immer etwas hinterher hinkt und die Verhältnisse noch nicht vollständig angepasst sind. Bei allen berechtigten Klagen, dürfen wir aber nie aus den Augen verlieren, was wir in den vergangenen zwanzig Jahren erreicht haben.

Als 1989 das kommunistische Regime in sich zusammenbrach, hing dies maßgeblich damit zusammen, dass die DDR schlichtweg bankrott war. Wie nah man dem totalen wirtschaftlichen Kollaps war, erahnt man, wenn man sich einmal den sogenannten ‚Schürer-Berichts zur wirtschaftlichen Lage der DDR’ durchliest, den der damalige Chef der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, auf Veranlassung von Egon Krenz im Oktober 1989 dem SED-Politbüro vortrug.

Das System der DDR war gescheitert! Das kann gar nicht deutlich genug ausgesprochen werden; zumal es zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wird.

Die Überführung der sozialistischen Planwirtschaft in eine freie Marktwirtschaft war und ist eine gewaltige Aufgabe, die – das war absehbar – nicht problemlos von statten gehen würde. Die Folgen von vierzig Jahren sozialistischer Misswirtschaft lassen sich nicht in wenigen Monaten beseitigen.

Für solche Mammutprojekte braucht man einen langen Atem – ebenso wie Mut und die Bereitschaft zur Veränderung und zur Reform. Vor allem aber braucht man Rückgrat, um das, von dem man überzeugt ist, dass es richtig ist, auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Es stimmt natürlich: die Erblasten die DDR waren enorm. Und es stimmt auch: es war sehr teuer das Wirtschaftssystem zu reformieren, die öffentlichen Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialsystem zu erneuern, den Wohnungsbestand zu verbessern, Wasserstraßen und Kommunikationsverbindungen zu sanieren. Nicht zu vergessen die ungeahnten Umweltschäden, die beseitigt werden mussten. Es war aber auch immer klar, dass diese finanzielle Last nicht von den Ostdeutschen alleine getragen werden kann. Das sollte eine gemeinsame Aufgabe für alle Deutschen sein.

Wir haben uns mit der Gemeinschaftsleistung des Aufbaus und der gegenseitigen Unterstützung als Nation neu begründet.

Natürlich sind wir mit der Zeit etwas bescheidener und realistischer geworden. Dennoch glaube ich, wir haben alles Recht stolz auf das zu sein, was wir erreicht haben. Wir haben viel erreicht, wissen aber auch, dass noch viel zu tun ist.

Trotz aller Erfolge – da sind wir uns alle einig – stehen die neuen Länder immer noch vor gewaltigen Herausforderungen. Eine davon ist die Abwanderung. Für manche – vor allem ländliche – Gebiete Ostdeutschlands sprechen Experten bereits von einer „demographischen Implosion“.

Ein anderes Problem, das ich ansprechen möchte, ist der Umgang mit der Geschichte der DDR. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Forschungsverbund SED-Staat eine Studie über das DDR-Bild von Schülern. Die Forscher hatten dafür tausende Jugendliche – Ostdeutsche wie Westdeutsche, Gymnasiasten wie Gesamtschüler – über ihr Bild von der DDR befragt. Das Ergebnis der Untersuchung ist besorgniserregend.

Nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Schüler war der Meinung, die DDR sei überhaupt eine Diktatur gewesen. Jeder Dritte äußerte sogar die Ansicht, die Staatssicherheit sei ein ganz normaler Geheimdienst gewesen – ein Geheimdienst wie ihn jeder Staat hat. Besonders bestürzend fand ich, dass annähernd zwanzig Prozent der Schüler den Standpunkt vertraten, Republikflüchtige seien selbst Schuld gewesen, wenn an der Grenze auf sie geschossen wurde. Das ist ein schlimmer Befund über den tatsächlichen Stand der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit.

Nicht selten geht die bewusste Verharmlosung der SED-Diktatur als so genannte „Ostalgie“ durch. Dass mich niemand falsch versteht. Jedem seien nostalgische Schwärmereien gegönnt – in Ost wie in West. Es gibt jedoch Bereiche, wo diese Nostalgie umschlägt in Relativierung oder sogar Verherrlichung.

Das Bild der DDR als totalitärer Unterdrückungsstaat verschwindet zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung. Es ist eine natürliche Reaktion, Unangenehmes zu vergessen und sich der Zukunft zuzuwenden.

Aber wir dürfen nicht zulassen, dass aus Nostalgie und zum Teil bewusster Geschichtsverfälschung nur noch die Erinnerung an einen vermeintlich fürsorglichen Solidarstaat zurückbleibt.

Wohlmeinend wird von der DDR heute eher als missglücktem Experiment denn als Diktatur gesprochen. Daher steht man heutzutage auch schnell in der Kritik, wenn man die DDR als ‚Unrechtsstaat’ bezeichnet.

Scheinbar sind die über 1.000 Grenz- und Mauertoten schnell in Vergessenheit geraten. Ebenso der Überwachungsapparat der Stasi, die Drangsalierungen von Christen und Oppositionellen, die Indoktrination der Jugend und die Beschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit in der DDR.

Die Funktionäre, die einstmals das System trugen, leben heute unbehelligt unter uns. Diejenigen jedoch, die unter den Einschränkungen am meisten litten, die ihre Verwandten nicht besuchen durften, deren Kinder am Abitur und Studium gehindert wurden, weil sie nicht linientreu waren, schweigen.

Es fehlt eine ehrliche Selbstreflexion auf das eigene Leben im Räderwerk einer gefährlich alltäglichen Gewohnheits-Diktatur. Das verhindert seit Jahren eine für das vereinte Deutschland so wichtige gemeinsame Diskussion der Menschen unterschiedlichster Biographien über das, was die DDR wirklich war und wollte.

Als Demokraten sind wir zur Erinnerung und zur Aufklärung verpflichtet. Insbesondere den jungen Menschen, die sich kein eigenes Bild von der Wirklichkeit der DDR machen konnten, müssen wir vermitteln, was der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie ist. Der Geschichtsklitterung gilt es mit allen Mitteln entgegenzuwirken.

Aber auch für die Politik besteht Handlungsbedarf. Die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR gehört auf dem Lehrplan jeder Schule. Zudem benötigen wir in diesem Bereich eine Verbesserung und Intensivierung von Maßnahmen der politischen Bildung.

Staatliche Einheit führt nicht automatisch zu innerer Einheit – das haben wir nach 1990 gelernt. Die Wiedervereinigung mag mittlerweile volljährig sein, in Wirklichkeit entwächst sie aber gerade erst den Kinderschuhen. Wir haben durchaus noch einen weiten Weg vor uns, bis wir wirklich von der Vollendung der Einheit sprechen können. Aber werden wir überhaupt jemals die Einheit vollendet haben?

Wenn wir heute über die Deutsche Einheit sprechen, sollten wir immer Friedrich Schiller im Hinterkopf haben. Er empfahl den Deutschen im ausgehenden 18. Jahrhundert nach der Einheit zu streben, sie aber nicht in der Einförmigkeit zu suchen. Das gilt auch für uns heute.

In dem Haus der Bundesrepublik leben unzählige verschiedene heterogene Gruppen unter einem Dach friedlich zusammen. Holsteiner arrangieren sich mit Bayern, Rheinländer mit Sachsen, Friesen mit Badenern, Saarländer mit Mecklenburgern. Warum sollten sich nicht auch Ossis mit Wessis arrangieren können (wenn es die überhaupt gibt)?

Vielleicht kann uns der Wahlspruch der Vereinigten Staaten ein Wegweiser sein: „E Pluribus Unum - Aus vielen Eines! Vielleicht genügen uns aber auch die ersten Zeilen unserer Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland – danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand.“

Wir müssen uns wieder auf diese Brüderlichkeit besinnen, von der im Lied der Deutschen die Rede ist. Wenn wir die innere Einheit vollenden wollen, müssen wir das stärken und betonen, was wir gemeinsam schaffen und leisten können, was uns allen gemeinsam ist und uns verbindet.

Wir brauchen Patrioten, die etwas für unser Land und seine Bürger leisten wollen, ohne zuerst an den eigenen Vorteil zu denken. Wir müssen die Diskussion über die deutsche Nation und unsere Zukunft führen. Die deutsche Einheit gibt uns hierzu die Chance – ist aber zugleich auch eine Verpflichtung.

Als Land im Herzen Europas trägt das wiedervereinte Deutschland eine besondere Verantwortung. Die Bundesrepublik muss – durchaus im eigenen Interesse – eine aktive Rolle bei der Vollendung der Einheit Europas übernehmen. Die Freundschaft mit unseren transatlantischen Partnern und mit unseren Nachbarn in Europa ist die größte politische Erfolgsgeschichte unseres Kontinents. Uns alle verbinden gemeinsame Werte, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Der 20. Jahrestag der Deutschen Einheit ist nicht nur für uns Deutsche ein Anlass zur Freude. Mit dem Ende der deutschen Teilung wurde auch das Ende der Teilung des europäischen Kontinents eingeläutet.

Dass wir heute in einem geeinten Land und einem geeinten Europa leben, zählt zu den größten Glücksfällen unserer Geschichte. Seien wir Deutsche daher dankbar, dass die Einheit gekommen ist und dass wir genügend Menschen unter uns haben, die gewillt sind, ihren ganz persönlichen Beitrag zur Einheit unseres Landes und zur Einheit Europas zu leisten.

Seien wir nicht ungeduldig. Was 45 Jahre gewaltsam getrennt war, kann nicht in wenigen Jahren bruchlos wieder vereint werden – auch dass ist eine Lehre, die wir aus der Wiedervereinigung ziehen mussten.

Wir Deutschen haben in der Geschichte Erfahrungen wie kein anderes Volk gemacht: Demokratie, Nationalsozialismus, Kommunismus, wieder Demokratie. Wir haben die Trennung und die Wiedervereinigung unseres Landes erfahren. Nun gilt es, mit diesen Erfahrungen die Grundlagen für eine gemeinsame Zukunft zu gestalten –
in Deutschland und in Europa.

Wir dürfen nie vergessen, dass das Geschenk der Deutschen Einheit ein unfertiges Geschenk war, an dem wir bis heute arbeiten müssen. Wir alle sind verpflichtet, an der Vollendung der Einheit mitzuwirken – gemeinsam als ein Volk.

Vielen Dank.