Mauerfall


Das Lachen der Wachhunde

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall: Wie die DDR in unseren Köpfen weiterlebt

Wir lebten in einer Diktatur, sogar in dem am besten durchleuchteten Teil des Landes, aber meine Eltern taten so, als hätte sich der Überwachungsstaat mit seinen Polizisten, Soldaten und Stasimitarbeitern für unsere Augen unsichtbar gemacht. Die Grenze, die das Dorf von drei Seiten einzäunte, die Wachtürme, die Armeefahrzeuge: von überall aus zu sehen, aber für uns nicht da. Die grellen Scheinwerfer, die die Grenze im Dunkeln beleuchteten: Nachts gehören Kinder ins Bett.

Meine Kindheit war eine Welt, die schön sein sollte, auch wenn die Diktatur es meinen Eltern mit diesem Anspruch nicht gerade leicht machte. Wir spielten im Kinderzimmer stundenlang Monopoly, und draußen bewachten die Soldaten die Grenze, damit das Volk vor dem Kapitalismus geschützt werde (und außerdem niemand in den Westen flüchten konnte). Wir kletterten im Garten auf unsere Lieblingsbäume mit der besten Aussicht, doch die Armeefahrzeuge, die auf der Straße vorbeifuhren, gab es in unserer Welt nicht. In unserem kleinen Dorf existierte beides gleichzeitig: die idyllische und die harte Seite der Diktatur. Aber in unseren Köpfen sollte nur das Schöne seinen Platz haben.

Ich wuchs auf mit der Schizophrenie derer, die versuchen, für sich eine heile Welt einzurichten, auch wenn draußen die Soldaten mit Maschinengewehren bewaffnet sind. Denn wer wollte schon in Angst und Bedrohung leben, im Angesicht der übermächtigen Staatsgewalt, wenn es sich im Eigenheim mit kleinem Garten so beschaulich wohnen ließ. Wer wollte andauernd die Kraft aufbringen müssen, das Paradox des real existierenden Sozialismus auszuhalten, in sein friedliches und zugleich bedrohliches Gesicht schauen zu müssen.

Die DDR hat den Blick jedes Einzelnen kontaminiert mit Sehverboten, deren Wirkung häufig bis in die Gegenwart reicht. 19 Jahre nach dem Mauerfall könnte man meinen, die Vergangenheit in unseren Köpfen müsste sich verflüchtigt haben. Tatsächlich aber wirken die mentalen Folgen der Diktatur bis heute nach, selbst bei uns, die wir 1989 noch nicht erwachsen waren. Die DDR war wie ein Vexierbild: aus dem einen Blickwinkel ein junges, vielversprechendes Mädchen, aus dem anderen eine alte Hexe.

Schwierig wurde es immer nur dann, die beiden Welten voneinander zu trennen, wenn sich das vermeintlich Unsichtbare partout seinen Weg in die Idylle bahnen wollte. Einmal spielten wir Kleineren mit den großen Jungs ganz nah an der Grenze, wo es einen Bach gab und wir Staudämme bauten. Während wir Steine und Stöcke aufschichteten und unsere eigenen Grenzen gegen das Wasser sicherten, bellten hinter dem Zaun nervös die Wachhunde, und ab und zu fuhr ein Lkw in Tarnfarben vorbei. Unsere Eltern waren entsetzt, als wir ihnen davon erzählten: Wir sollten nicht noch einmal so nah an den Zaun gehen. Wer sich der Grenzverletzung verdächtig machte, riskierte eine Gefängnisstrafe, und ob davon Kinder ausgenommen waren, das war nicht ganz sicher. Die Wachhunde hinter dem Grenzzaun waren kein Streichelzoo. Wir hatten das Böse mit unserem Kinderspiel herausgefordert, und ich wusste nicht, ob ich Angst haben sollte oder triumphieren. Erst war das Böse unsichtbar, und als wir genauer hinsahen, war es für uns verboten.

Häufig hatte ich Zweifel darüber, mit welchem Verhalten ich meine Eltern erfreute und gleichzeitig ein guter Staatsbürger war. Galt zum Beispiel auch für den Soldaten, dem ich auf der Straße begegnete, das Gesetz der Höflichkeit, sich einander einen »Guten Tag« zu wünschen? Meine Mutter, die ich danach fragte, riet mir das Unfassbare, nämlich grußlos am Soldaten vorbeizugehen. Nicht als ein Akt des Widerstands gegen die Staatsgewalt, sondern einfach, weil dieser Soldat zu einer Parallelwelt gehörte, die für mich nicht existieren sollte. Der Soldat war für mich genauso unsichtbar wie ich für ihn. Das erfuhr ich allerdings erst später, als sich mein Bruder und ich einen Spaß daraus machten, das Verbotene zu tun und über den Gartenzaun die Soldaten auf der Straße zu grüßen. Auch sie antworteten nicht, der Kontakt mit der Dorfbevölkerung war ihnen verboten.

Eigentlich hätten wir ja auch nicht da sein sollen, wo wir lebten. In den ersten Jahren nach dem Bau der Grenzmauer 1961 hatte die DDR-Führung versucht, die Sperrgebiete zu entvölkern, Einwohner umzusiedeln und Neubauten zu verhindern. Wohnungsnot und familiäre Bindungen ließen sie von diesem Vorhaben absehen, dennoch durften in dieses Gebiet entlang der Grenze nur die Bewohner und deren engste Verwandte kommen.

»Du sollst die Mauer nicht sehen!«, dieses Grundgesetz sollte für alle Bürger der DDR gelten. Wer in Halle oder Dresden wohnte, durfte die Grenzanlagen nie zu Gesicht bekommen. Für uns, die wir 300 Meter neben dem Zaun wohnten – geduldet, solange wir unauffällig blieben –, war das Gebot nur zu erfüllen, indem wir uns blind machten für die Wirklichkeit. Diese Schizophrenie aber war keine kleine, private Marotte an den Grenzen des Staates DDR, es war die Schizophrenie, die aus dem Zentrum kam, es war die Schizophrenie des realen Sozialismus. Der Staat rief verbotene Zonen aus, wie es ihm gefiel, und befahl seinen Untertanen, wann sie ihre Augen verschließen sollten. Dabei war die Willkür gern ins Gewand plausibler Erklärungen gekleidet. In all ihrem Irrsinn wollte die DDR stets eine rationale Diktatur sein.

Die alltägliche Verdrängungsleistung, die der totalitäre Staat seinen Bürgern zu ihrem eigenen Glück aufbürdete, hatte allerdings ihren Preis: Verdrängung macht frei, aber verspannt. Das begriff ich erst später, eigentlich erst lange nach dem Ende der DDR. Wenn sich ein Volk im Sommer kollektiv am FKK-Strand entblößte, dann lag darin neben aller Freude am Sonnenbad ein Akt der Befreiung: sich einmal im Jahr all dessen zu entledigen, was der ansonsten übermächtige Staat seinen Bürgern auferlegt hatte.

Auch das Lachen auf Kosten des Staates über die zahlreich kursierenden Witze war so eine Art der Erleichterung. Der atheistische Ossi konnte feiern und trinken wie der rheinische Katholik im Karneval – Kater und Katharsis inklusive. Der Übergang von der alltäglichen Verdrängung zum allabendlichen Rausch und Tablettenmissbrauch war fließend. Dass Alkohol auch in die Abhängigkeit führen kann, war nicht im Bewusstsein derer, die ihre Ängste und den Druck des Systems kompensierten. Das galt genauso für die Beruhigungsmittel, von denen uns die Großmutter schon mal etwas verabreichte, wenn wir vier Enkelkinder bei ihr die Ferien verbrachten und abends nicht zur Ruhe kommen wollten. »Nimm eine Faustan, dann geht es dir besser.«

Schleichend wurden wir taub gegen uns selbst, schleichend wurden wir taub gegen die Grenze. Sichtbar wurde die Mauer erst, als sie verschwand. Die langsame Erosion des Sozialismus Ende der achtziger Jahre hat die Schizophrenie zunächst noch einmal verstärkt. Die alte Weltordnung zerbröckelte, nur bei uns – auf halber Strecke zwischen Wladiwostok und Washington – lachten die Wachhunde weiter bis in die Nacht. Dann ging alles sehr schnell. Indem die Führung die Grenze öffnete, erkannte sie sie zum ersten Mal an. Und auch wir haben im Verschwinden der Grenzen plötzlich ihre Macht über uns bemerkt. Über das Schicksal der Hunde, die am Grenzzaun zum Wachdienst eingesetzt waren und an langen Leinen auf und ab laufen mussten, wurde sich übrigens später erzählt, die meisten von ihnen seien zu traumatisiert gewesen, um die Eingliederung in die Freiheit zu bewältigen. Als ihre Lebensaufgabe weggefallen war, wurden sie eingeschläfert.

Für uns Menschen war das Ende der Zäune ein Aufbruch aus der Enge, für mich eine Zeit, in der es keine Grenzen gab. Es dauerte einige Zeit, bis ich merkte, dass die Vergangenheit ihre Spuren auch in mir hinterlassen hatte. Was war aus der Fähigkeit geworden, in zwei Welten zu leben, einer offiziellen und einer privaten? Was war aus der DDR in mir geworden? Wo war die Schizophrenie geblieben, die mir so vertraut geworden war? Als ich wieder in das Grenzdorf meiner Kindheit kam, war ich erstaunt, wie gut sich die Bewohner nach der Wende dort miteinander eingerichtet hatten. Der frühere Offizier von der Grenzarmee wohnt friedlich Haus an Haus neben dem ehemaligen Bautzen-Häftling, die Zugezogenen aus dem Westen leben neben dem Stasi-IM, und lange Jahre hat der PDS-Bürgermeister, der schon vor der Wende für die SED das Dorf regierte, die Fördermittel für die Dorfsanierung beantragt.

Alle feierten zusammen ein Fest, als das Dorf im Bundeswettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« einen der vorderen Plätze belegte, vereint im Stolz, die Heimat auch in der neuen Zeit als Idylle ausgezeichnet zu sehen. Allen Alteingesessenen war noch die sozialistische Kampagne »Schöner unsere Städte und Gemeinden« in Erinnerung, die einen ganz ähnlichen Klang wie der neue Wettbewerb hatte.

Die Dorfbewohner üben sich heute genauso erfolgreich wie zu DDR-Zeiten darin, die Realitäten des Risses, der sich mitten durch die Dorfstraße zieht, auszublenden. Dass der Nachbar bei der Stasi sein müsse, hat man auch schon vor der Wende geahnt, gefeiert hat man trotzdem zusammen. Jetzt weiß man es auch nicht genau, aber was ändert das schon. Im Dorf wollen sich alle weiterhin freundlich einen »Guten Tag« wünschen können, denn die neue Zeit ist sowieso schon eisig genug. In der Euphorie zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 waren bei vielen DDR-Bürgern die innere und die äußere Welt für kurze Zeit vereint, nur um danach wieder auseinanderzufallen. Jetzt ist es eben die Härte der freien Marktwirtschaft, die sie den Rückzug in die Familie antreten lässt. So verteidigen häufig Kinder, die die DDR kaum erlebt haben, die Welt der Eltern, weil die Loyalität zu ihrer Herkunft – belastet, wie sie auch sein mag – größer ist als die Neugier auf das eigene Leben in der Zukunft da draußen.

Meine Eltern haben mir auch Werte mitgegeben, die älter waren als die DDR. Dazu gehören die Reste einer Bürgerlichkeit wie einer protestantischen Frömmigkeit, Werte, die die Schizophrenie des Alltags verstärkten, doch gleichzeitig anschlussfähig für die Zeit nach der Wende machten. Wo ich herkomme, besaßen viele ganz selbstverständlich den Grund, auf dem sie lebten, und den Acker, auf dem die eigenen Kartoffeln wuchsen – obwohl die sozialistischen Machthaber das Eigentum des Einzelnen geringschätzten. Und manche gingen immer noch in die Kirche und vertrauten vielleicht insgeheim auf einen Gott, der sich das abschließende Urteil über Gut und Böse vorbehalten würde. Dieses Erbe – und das war unsere besondere bürgerliche Schizophrenie in der allgemeinen sozialistischen – machte uns anfälliger für die Verzweiflung. Aber es gab meiner Familie auch eine letzte innere Unabhängigkeit, die kein Walter Ulbricht oder Erich Honecker erreichen konnte.

Die uneingestandene Verzweiflung hat ihren Preis bis heute. Vorsätzliche Betäubung und Schübe der Angst, Verdrängung der Wirklichkeit und Rückzug ins Private – die Reflexe auf das Leben in zwei Welten, der inneren und der äußeren, sind nicht verschwunden, bloß weil die zwei deutschen Staaten jetzt eins sind. Seit 1989 setzt kein Staat mehr die Grenzen und bestimmt die Sehverbote. Aber bei uns tragen viele bis heute ihre Brillen, mit denen sie nur sehen, was sie auch aushalten können.

Quelle: DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46