Grenzerinnerungen


Am Grenzübergang Schlutup

Die vom Priwall an der Ostsee bis Passau (Bayern) reichende „Zonengrenze" hatte eine Länge von 1381 Kilometern. Lübeck-Schlutup besaß den nördlichsten Grenzübergang für Straßenverkehr.

Nach dem 30. Juni 1946 wurde die innerdeutsche Grenze immer undurchlässiger. Private Reisen waren nur mit so genannten Interzonenpässen möglich, die bei den Besatzungsmächten beantragt werden mussten. In Schlutup sperrten die Engländer 1947 die Mecklenburger Straße nach Selmsdorf. Doch noch funktionierte der kleine Grenzverkehr: Russische Soldaten schätzten Schlutuper Frischfisch. Auch Schlutuper Pferde sollen nächtens in Mecklenburger Ställe gewechselt sein.

1948 wurden die Bestimmungen von den Sowjets weiter verschärft. 1952 beschloss die DDR einen Zehn-Meter-Kontrollstreifen, einen 500 Meter breiten Schutzstreifen und eine Fünf-Kilometer-Sperrzone. 8000 „unzuverlässige" Personen wurden unter dem Decknamen „Ungeziefer" aus dem Grenzgebiet ausgewiesen. Am 15. Mai 1952 wurde der Grenzübergang in Eichholz von der Volkspolizei geschlossen. Lübeck war abgeschnitten.

Der 1. März 1960 brachte die Menschen in Ost und West endlich näher. „Lübeck besitzt wieder einen Zonengrenzübergang", jubelten die LN. „Die Straße nach Mecklenburg ist frei." Tausende drängten sich rund um den neu geschaffenen Zollhof. Jenseits des Schlagbaums nach Selsmdorf lag die Straße verlassen da. Bei der feierlichen Eröffnung des Übergangs wiesen Vopos die Festgäste aus dem Westen rüde zurecht. Ehrengäste, die den Grenzern Blumen und Marzipan überreichten wollten, wurden aufgefordert, „das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen", sonst werde Gewalt angewendet.

1968 entstanden auf DDR-Seite neue Abfertigungsgebäude mit später 13 Fahrspuren. Die Zahl der Reisenden wuchs bis Ende der 70er Jahre auf über 700 000. In den 80er Jahren blühte der Mülltourismus zur Deponie Schönberg: 1984 passierten 32 000 Laster die Grenze.

Wo aus Osten Westen wird

8.9.2004. Die Wende - 15 Jahre danach

In Schlutup fand 1989 für ein paar Tage Weltgeschichte statt. Doch zum Nabel der Welt wurde der Lübecker Stadtteil nicht. Er liegt heute fast so abgeschieden am Ostrand der Stadt wie vor dem großen Ansturm der DDR-Bürger.

„Ein bisschen Ernüchterung ist eingekehrt", sagt Jürgen Schreiber (58), Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins Schlutup, 15 Jahre nach jenem November-Abend, als der bis dahin beschauliche Lübecker Stadtteil für eine Nacht Weltgeschichte schrieb. Beige und himmelblaue Trabis mit DDR-Bürgern schoben sich in jener Nacht von Selmsdorf nach Schlutup, vorbei an irritierten und vergeblich protestierenden Vopos. Wessis trommelten vor Freude auf die Plaste-Dächer, reichten Bananen und Schokolade und Rosen in die stinkenden Zweitakter, die plötzlich nach Freiheit dufteten. Ossis weinten vor Freude. Der Kalte Krieg, er endete zuerst auch in Schlutup.

Nein, der große Boom im Einzelhandel, den sich viele damals erhofft hatten, nein, der große Aufbruch hat in diesem Lübecker Stadtteil (6000 Einwohner) niemals stattgefunden. Was ist geblieben? „Beinahe nichts", sagt Schreiber. Ein paar wiederbelebte Kontakte, ein paar neue Freundschaften natürlich zwischen den Menschen hüben und drüben. Und eine neue Himmelsrichtung mit einem Gewerbegebiet gleich hinter der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

Aber sonst? In Schlutup gibt es einen Schlecker-, einen Plus- und einen Skymarkt, zwei DönerImbisse und beinahe benachbart zwei Griechen. Das Feuerwehrhaus und die Kirche stehen mitten im Dorf, das Schwimmbad ist frisch saniert. Ins alte Zollhaus zieht demnächst ein Museum, die Renovierung läuft. Im Schaukasten des Sportvereins an der Sparkasse prangen Fotos von den erfolgreichen Jugendsportlern und der Hinweis auf den baldigen Laternen- und Fackelzug von TSV und Siedlergemeinschaft. Der Hafen boomt, es gibt reichlich Betriebe vor allem in der fischverarbeitenden Industrie, an der Spitze einer der bundesdeutschen Marktführer: Hawesta.

Das klingt nach heiler Welt, nach Idylle. Aber die Fassade täuscht. Alteingesessene Geschäfte mussten in den vergangenen Jahren aufgeben in einem Dorf, das von Lübeck über viele Jahrzehnte autark schien: Die Schlachterei Ahrendt hat geschlossen, der Lebensmittelhändler Rüscher, der Bäcker Schümann, das Textilhaus Kankel, die Schlachterei Schmidt. Auch der Lebensmittelkonzern Kühne hat den Standort Schlutup aufgegeben, sucht für seine Industriebrache einen neuen Eigentümer. „Nicht gut`, sagt Schreiber, „irgendwie gehörten sie alle zum Dorf dazu."

Aber die Pendler von Ost nach West, die fahren eben nur durch. Die meisten halten nicht an", weiß Schreiber. Er und seine Schlutuper wollen diese ungebetenen Gäste nicht mehr haben. Auf Mecklenburger Seite wurde kürzlich ein Verkehrsschild aufgestellt, das die Nachtdurchfahrt verbietet. Der Selmsdorfer Bürgermeister Detlev Hitzigrat hat dagegen protestiert, droht mit einer Klage: Neue Mauern würden die Schlutuper hochziehen.

Schreiber sehnt den Endausbau der Umgehungsstraße entgegen. „15 Jahre danach wird es endlich Zeit, das Provisorium zu überwinden", sagt er. Denn derzeit schiebt sich - Verbot hin, Verbot her - tags und nachts immer noch eine kleine Blechlawine durch den Ort. „Die Straßen sind kaputt, und nun sollen allein unsere Anlieger dafür bezahlen", empört sich Schreiber. Von Bund und Land fühlen sich die Schlutuper allein gelassen. Kann man für ein Stückchen Weltgeschichte nicht ein bisschen Dankbarkeit erwarten?

Szenenwechsel. Die Sträßchen heißen Dassower oder Schönberger Weg, An der Landesgrenze oder Voßbergbogen. Wie Salatgurken ranken sie in Schlutup entlang der ehemaligen Grenze zur DDR. Die meisten Häuser hier stammen aus den 50er und 60er Jahren, doch auffällig viele sind renoviert oder haben einen Anbau. „In der Siedlung findet ein Generationswechsel statt", erklärt Schreiber. Eine, die geblieben ist, ist Elisabeth Rother. Die 82-Jährige vom Voßbergbogen, Haus Nummer 9, sitzt in ihrem Garten, der an den ehemaligen Todesstreifen grenzt. Zwei alte Apfelbäume krümmen sich dort unter der Last von Früchten und Geschichte, ein paar Reihen Erdbeerpflanzen liegen verloren da. Einen sechs Meter breiten Streifen am Fuße ihres Grundstücks habe man ihr damals weggenommen, sagt die Rentnerin. Irgendwann in den 60er Jahren. „Für einen Fußweg, damit unser Grenzschutz patrouillieren kann." Immerhin habe sie den Zaun dafür bezahlt bekommen. Der brusthohe Maschendrahtzaun ist inzwischen zurückversetzt. Denn hier patrouilliert keiner mehr. „Nur die Birken auf Mecklenburger Seite machen Ärger, das Laub, so ein Dreck", schimpft die Hausbesitzerin. „Kümmert sich doch keiner drum! "

Zwischenfälle, nein, die habe es nicht gegeben. Und dann erzählt Elisabeth Rother doch eine kleine Anekdote. Es war in der Zeit der Ostverträge und von Willy Brandt, als ein DDR-Grenzer an ihren Zaun trat und nach den „Lübecker Nachrichten" fragte. „Wir wollen wissen, was der Westen schreibt`, habe der Vopo gesagt. Mit einem Sprung über den Zaun wäre er im Westen gewesen. „War wohl doch zu gefährlich", erinnert sich die Rentnerin. Wenige Meter hinter dem Soldaten habe ein zweiter bewaffneter DDR-Grenzer gestanden. Helfen konnte sie dem Mann nicht. „Wir hatten damals noch Ofenheizung, die Zeitung war schon verbrannt`, sagt sie.

Gisela Schwarz (58) legt eine frische Bratwurst auf den Grill. Die Inhaberin der „Grünen Bude" steht seit fast 30 Jahren in ihrem Imbiss an der Mecklenburger Straße, der zugleich Kiosk und am Ortseingang West eine Pilgerstätte für Trucker ist. Ruhiger geworden sei es, klar. Bei Grenzöffnung habe es noch einen Extra-Parkplatz vor ihrer Tür gegeben, eine Extra-Buslinie, sagt Schwarz. Für die Scharen Neugieriger aus Mecklenburg. Aber sie könne auch heute nicht übers Geschäft klagen. „Ich habe viele Stammkunden aus dem Osten." Auch die Pendler, die merke sie schon. Montags und freitags, da laufe ihr Laden ganz besonders gut. Da ist sie also: eine Schlutuperin, Gewinnerin der Wende. 15 Jahre danach.

Bardowieck, Kreis Grevesmühlen